Freistellung!

Immer wieder stolpere ich über Portraitfotos, die mit sehr geringer Schärfentiefe, also weit geöffneter Blende fotografiert wurden.  Das kann reizvoll sein, übertrieben eingesetzt geht der Schuss aber schnell nach hinten los.

3178-IMG-3499-JPGIn einschlägigen Foren wird ständig ein riesiger Bohei gemacht, um das Freistellungspotential hochlichtstarker Objektive, dabei gerät völlig in den Hintergrund, daß Freistellung durch Unschärfe, also winzige Schärfentiefe, nur eine von vielen, oft besseren Möglichkeiten darstellt, ein Objekt vor dem Hintergrund freizustellen.

Das Foto von Bonny (der Autor wollte hier nicht genannt werden, vielen Dank fürs zur Verfügung stellen!) zeigt deutlich, daß man es mit der Freistellung durch Offenblende leicht übertreiben kann. Zwar sind die Augen des Hundes perfekt im Fokus, aber Nase und Ohren versinken in wattiger Unschärfe.  „Langnasige“ Europäische Menschen, oder gar Hunde benötigen bei großen Abbildungsmaßstäben, also Aufnahmen aus der Nähe, i.d.R. deutlich weiter geschlossene Blenden, um von der Nase bis zu den Ohren scharf abgebildet zu werden.

Ich finde die Freistellung per Offenblende oft sehr überzogen eingesetzt. Nur weil man es dank offenblendigem, lichtstarkem Objektiv kann, muss es nicht gut aussehen. Freistellen kann man auch mit der zur nötigen Schärfentiefe passenden Blende, so daß Nase und Ohren noch ausreichend scharf sind. Zumal man Freistellung eben nicht nur durch die Wahl der Blende erreicht.  Im Gegenteil, Freistellung durch Offenblende zeugt oft von unüberlegter Wahl des Hintergrundes oder weiterer Parameter, die das Bild beeinflussen.
– Abstand zum Hintergrund
– Farbe des Hintergrundes
– Helligkeit des Hintergrundes
– Struktur des Hintergrundes:
um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

An hochlichtstarken Objektiven verdienen natürlich die Hersteller, und so wird das „Freistellungspotential“ teurer, offenblendiger Objektive fleißig beworben. Hintergrund, Blickwinkel oder Motivabstand lassen sich halt nicht verkaufen, und so geht das eben schnell unter, daß es viele weitere und oft besserer Möglichkeiten gibt, sein Motiv freizustellen.

Im Folgenden möchte ich euch daher ein paar Beispiele zeigen, bei denen die Freistellung des Objektes nicht durch Offenblende erreicht wurde, die gezeigten Beispielbilder sind meist mit Blenden um f:8 gemacht.

Steampunk7Hier ein Beispiel für Freistellung durch Farbe/Nichtfarbe. Das Bild ist mit Blende 8 und 50mm Brennweite fotografiert.

Im Gegensatz zum knallbunten Model sind die Wasserfontänen hinter dem Model einfach farblos grauweiß. Obwohl diese noch annähernd scharf abgebildet werden, ist das Model im Vordergrund deutlich vom Hintergrund abgehoben. Die leichte Unschärfe des Hintergrundes rührt hier eher von der schnellen Bewegung des Wassers, als von der gewählten Schärfentiefe.

bd6e456f-c76d-4018-adc1-f331397b9e44In diesem Beispiel lehnt das Model aus dem Fenster, und schaut auf die Straße, wie man in der Spiegelung der Sonnenbrille gut erkennen kann. Freistellung durch Licht. Das Model wird vom Tageslicht gut beleuchtet, die Stube im Hintergrund ist deutlich dunkler, da bei allen weiteren Fenstern die Rolläden herunter gelassen waren.  Bei der gewählten Blende von f:5,6 wäre sogar die Uhr im Hintergrund noch fast scharf zu sehen, wenn sie nicht im Dunkel des Raumes verloren ginge.

IMG_6310_bea_fertigFreistellung durch Kontrastfarbe: Diese Beispiel zeigt den Effekt von kontrastierenden Farben zwischen Objekt und Hintergrund. Der Blauverlauf des Hintergrundes ist fast komplementär zu den gelben Haaren des Models, und ergibt selbst bei ähnlichen Helligkeitswerten eine deutliche Abgrenzung zwischen Hintergrund und Model. Verstärkt wird die freistellende Wirkung hier auch durch die nahezu völlige Strukturlosigkeit des Hintergrundes. Auch hier eine Blende um f:8, das Model ist trotz Nahbereich scharf von den Fingern bis zu den Haaren, kein Grund, die Blende weiter zu öffnen.

Bea_IMG_1297Freistellung gelingt aber auch mit nichtkomplementären Farben. Hier wirkt eher die Strukturlosigkeit des Hintergrundes freistellend. Hinzu kommt der Helligkeitskontrast zwischen der Haartracht des Models, bzw. zwischen der Hand der Visagistin und dem Hintergrund. Unstrukturierte Hintergründe bieten sich zur Freistellung natürlich an, sind aber leider nicht überall anzutreffen. Im Studio ist das kein Problem, in freier Natur schon eher. Doch auch in diesen Fällen gibt es Möglichkeiten, das Objekt freizustellen. Dazu aber weiter hinten.

IMG_6537_bea_fertigEine weitere beliebte Möglichkeit zur Freistellung ist es, einen schwarzen Hintergrund zu verwenden. Das sieht häufig besonders gut aus, wenn einzelne Teile des Motivs auch noch farbig hervortreten, und vor dem dunklen Hintergrund regelrecht zu leuchten anfangen. Die Ausleuchtung solcher Motive ist oft ein wenig „tricky“, die schwarze Kleidung benötigt hier z.B. genügend Licht, um noch deutliche Zeichnung zu erhalten ohne in Dunkelheit abzusaufen. Gleichzeitig sollen Haut und Haare des Models ja nicht überbelichtet werden, und ausfressen. Ein Spot von schräg hinten auf den oberen Bereich der Haare hätte in diesem Bild den Oberkopf noch deutlich besser vor dem schwarzen Hintergrund freigestellt. Den billigsten und schwärzesten schwarzen Hintergrund habt ihr übrigens alle zuhause: Stellt euer Model einfach nachts vor ein geöffnetes Fenster!

startpic_liselSchwarz geht immer, sogar schwarz vor schwarz geht! Das Haarlicht genügt hier gerade, die schwarze Kapuze noch sichtbar werden zu lassen. Hier waren aber dann auch schon drei unterschiedliche, fein aufeinader abgestimmte Lichtquellen nötig, um das Gesicht gut auszuleuchten, und die Ränder der schwarzen Kapuze vor dem schwarzen Hintergrund gerade noch sichtbar zu machen. Mit der Klappfunzel der Kamera hätte das derbe Schlagschatten von der Kapuze im Gesicht gegeben. Aber soviel nur der Übersicht halber.

oeli-in-der-tuer-7eb53d25-4f3e-40d5-9536-52a65cfb9786Das krasse Gegenteil zu einem schwarzen Hintergrund bietet natürlich ein weißer Hintergrund. In diesem Fall ein Tuch hinter dem Türrahmen, welches von hinten beleuchtet die einzige Lichtquelle darstellt.

Das Model wird dadurch fast zur Silouhette, einzig die Größe der Lichtabstrahlenden Fläche bewirkt, daß das Model noch etwas von Licht „umflossen“, und nicht völlig als Scherenschnitt abgebildet wird. Die Haut und das graue Top erhalten noch genügend Licht, um deutlich Farbe und Zeichnug zu bekommen, die schwarze Leggin und die Schuhe werden wirklich zum Scherenschnitt, und betonen hier Pose und Figur des Models. Auch ohne Offenblende ist hier die Freistellung wohl auf die Spitze getrieben.

„Im Studio kann das ja Jeder – aber das geht doch nicht im Freien!“

IMG_9874_beaAuch im Freien gibt es oft die Möglichkeit, einen strukturlosen, weißen Hintergrund zu nutzen. Hier z.B. eine Milchglasscheibe. Bei Sonne gibts dann aber schnell extrem harte und störende Schlagschatten auf dem Hintergrund. Wenn ihr euer Model nicht weit genug vom Hintergrund entfern positionieren könnt, um die Schatten aus dem Bild heraus zu halten, dann klatscht euer Model einfach direkt an die Scheibe, die Schatten folgen dann den Umrissen eures Models direkt als Kontur.

IMG_9377_beaAber auch deutlich strukturierte Hintergründe können ihren Reiz haben. Die Freistellung wird hier durch das gleichförmige kleinmaschige Muster erzielt, die einen deutlichen Kontrast zum Model bilden. Darüber hinaus ist das Aluminiumgitter farblos grau, was einen guten Kontrast zu dem deutlich bunteren Model mit seinem Tuch bewirkt. Die Abgrenzung zwischen Hintergrund und Kleid ist durch den Helligkeitsunterschied zwischen Hintergrund und dem Schwarz des Kleidchens gegeben. Auch so kann Freistellung gelingen.

herbst-7f2ad70e-2a37-40ad-829d-b0eb8aa63240Der Hintergrund muss aber keineswegs gleichförmig strukturiert oder gar farblos sein. Auch leuchtendes, buntes Herbstlaub gibt einen wunderbaren Hintergrund, vor dem sich das Model deutlich abhebt. Das dunkle Haar und die schwarze Lederjacke sind hier natürlich hilfreich. Ein rothaariges Model in Orange-grün gemusterter Jacke wäre vor diesem Hintergrund natürlich nahezu unsichtbar geworden.

IMG_4697._beFreistellung durch unterschiedliche Helligkeit seht ihr in diesem Beispiel. Die Aufnahme ist nicht etwa in einem Innraum gemacht, sondern an einem sonnigen Sommernachmittag im Freien. Obwohl auf dem Foto alles scharf zu sehen ist, dominiert im Bild deutlich das Model mit ihren leuchtend türkisen Haaren. Die Sonne stand hier rechts hinter dem Model, so daß die Mauer eben in ihrem eigenen Schatten steht, und dadurch natürlich dunkler beleuchtet ist als das Model. Dieses bekommt direktes Sonnenlicht von schräg hinten, rechts oben, wodurch die Haare, Arm und Beine beleuchtet werden. Der „Rest“ vom Model wurde aus kurzer Distanz von schräg links mit dem Blitz beleuchtet. Dadurch ist das Model selbst ausreichend beleuchtet, aber wegen des Abstandsgesetzes kommt von dem Blitzlicht kaum noch etwas an der Mauer hinter dem Model zur Wirkung. Freistellen durch Licht eben. So einfach kann das sein, und doch so spektakulär in der Wirkung.

Steampunk2Zu guter Letzt noch ein Beispiel für die Freistellung durch Brennweite. Hier habe ich eine etwas längere Brennweite von 100mm gewählt. Trotz einer Blende von f:7 ist hier das Model noch überall ausreichend scharf, der störend wilde unregelmäßige Hintergrund versinkt aber schon deutlich in Unschärfe. Zudem ist der Hintergrund hier auch leicht unterbelichtet, da er größtenteils im Schatten liegt. Zusätzlich dient auch der Farbkontrast zwischen den knallroten Haaren und dem Laub der Bäume einer hinreichenden Freistellung vor dem Hintergrund.

Zusammenfassend möchte ich sagen, es gibt weit mehr Möglichkeiten das Objekt frei zu stellen, als einfach nur die Blende eines lichtstarken Objektives bis zum Anschlag aufzureißen. Einige Möglichkeiten und deren Kombinationen habe ich euch hier gezeigt. Natürlich gibt es noch Weitere, und mit diesem Artikel erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Prinzip geht es bei der Freistellung immer darum, zwischen Objekt und Umfeld einen Kontrast wirken zu lassen. Dieser Kontrast kann im Licht, in der Farbe, der Struktur oder jeder Kombination daraus bestehen. Auch kann es natürlich durchaus angebracht sein, das Objekt durch eine bewusst geringe Schärfentiefe, durch Offenblende in Kombination mit den gezeigten Werkzeugen frei zu stellen.  Wichtig ist mir aber darzulegen, daß es wesentlich kreativere, wirkungsvollere, interessantere und vor allem billigere Darstellungsweisen gibt, als einfach nur ohne Sinn und Verstand alleine die Blende auf zu reißen. Ein rothaariges Model im oragenen Kleid stellt ihr auch mit noch so weit offener Blende nicht frei vor einem orangenen Hintergrund. Ihr bekommt lediglich unscharfe Nasen und Ohren – und wer will das schon…

Das wird jetzt vielleicht die Hersteller teurer lichtstarker Objektive ärgern, aber auch mit dem „Dunkelzoom“ oder der billigen Kitlinse lassen sich mit etwas Hirn und offenen Augen ansprechend freigestellte Aufnahmen anfertigen. Also macht einfach die Augen auf, stellt euer Model oder sonstiges Objekt vor den passenden Hintergrund, achtet auf das Licht, die Farben und habt Spass! Oft genügt es sogar schon, ein klein wenig die Perspektive zu verändern, einen kleinen Schritt nach links oder rechts, etwas weiter von unten oder oben, und schon ergibt sich eine komplett andere Bildwirkung. Besonders bei längeren Brennweiten ändert sich dadurch der abgebildete Ausschnitt aus dem Hintergrund oft gewaltig.

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